Gärtnertagebuch

Das letzte Obst des Jahres

Paul Weinzerl

Die Mispel ist wahrscheinlich die letzte Obstart, die man im Jahreskreislauf im Garten ernten kann. Ihre weißen Blüten zählen zu den größten aller Obstbäume und werden im Herbst von braunen Früchten gefolgt. Diese werden erst sehr spät reif, denn zuerst muss sich das Fruchtfleisch in einen weichen nach Apfelmus schmeckenden Brei verwandeln. Irgendwann zwischen Oktober und Jänner kann man sie ernten. Stärkere Fröste können diesen, Mazeration genannten Vorgang, beschleunigen, sonst heißt es einfach warten. Friert man die Früchte nach der Erne für einige Tage ein, werden sie zwar auch weich, behalten aber einen etwas herberen Geschmack.

Vieles an dieser Pflanze ist geheimnisvoll. Sie ist schon so lange in Kultur, dass man ein natürliches Verbreitungsgebiet nur mehr vermuten kann. Irgendwo zwischen dem östlichen Mittelmeerraum und Westasien soll es liegen. Der Name lässt sich zwar bis zur griechischen Bezeichnung méspilon zurückverfolgen, stammt aber ursprünglich aus einer anderen, unbekannten Sprache. Sie gilt als einzige Art ihrer Gattung, ist aber mit dem Weißdorn nah genug verwandt, um Kreuzungen zu bilden. Wollmispel und die eher als Cotoneaster bekannten Felsmispeln dagegen sind nur entfernte Verwandte und mit der als Weihnachtsdeko bekannten Mistel hat sie trotz des ähnlichen Namens gar nichts zu tun.

Sicher ist, dass die Mispel in den wärmeren Gebieten Europas schon so lange wild wächst. Daher kann sie nur irrtümlich zu ihrem wissenschaftlichen Namen „Mespilus germanica“, übersetzt Deutsche Mispel, gekommen sein. Sie wird ein kleiner breiter Baum, stellt weder besondere Ansprüche an den Boden, noch an das Klima und bekommt selten Krankheiten oder Schädlinge. Nur die heimische Tierwelt kann die Ernte schmälern, denn auch etliche Vogelarten haben sie auf ihren Speiseplan gesetzt.